Auflösung etlicher theologischer Fakultäten in den Niederlanden

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Pfälzisches Pfarrerblatt

Sonderheft 106/1 (2016), 16-22 zum Stipendium Bernardinum

Autor: Rinse Reeling Brouwer

Zur Auflösung etlicher theologischen Fakultäten in den Niederlanden

In einem Prozeß von 15 bzw. – wenn man die Vorgeschichte eines Jahrzehnts voller vorbereitender Erkundungen und Manöver mitrechnet – von 25 Jahren (1999 bzw. 1989 bis 2014) hat sich die Landschaft der akademischen Einrichtungen für Theologie und Religionswissenschaft in den Niederlanden  fast bis zur Unkenntlichkeit verändert. Berühmte theologische Fakultäten, die einst die reformierte Identität der Republik der Vereinten Niederlande mitgeprägt haben, wie die in Leiden (1575) und Utrecht (1636), sind aufgelöst worden, während auch an anderen historischen Orten (wie in Kampen) die Präsenz der Theologie im Niedergang begriffen ist. Nicht nur aus der Ferne, sondern auch für die, die  dabei waren, ist kaum nachvollziehbar, was hier geschehen ist. Welche gesellschaftlichen, (universitäts-)politischen und kirchlichen Gründe gab es? Die Auseinandersetzungen liegen wahrscheinlich noch zu kurz hinter uns, um jetzt schon eine gründliche Analyse der Ursachen vorlegen zu können. Aber es ist schon jetzt möglich, einen historische Überblick über die Entwicklungen zu bieten.

Das Universitätsgesetz von 1876

Im 19. Jahrhundert war die Existenz theologischer Fakultäten in den Niederlanden  umstritten. Es können dabei drei Positionen unterschieden werden.

1. Die liberale Position, die u.a. von den (Leidener) liberalen Theologen vertreten wurd, sah Theologie im eigentlichen Sinne nicht als Wissenschaft. Nur eine vorurteilsfreie Religionswissenschaft kann dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit genügen. Das bedeutete, dass die Disziplin, die vom herkömmlichen kirchlichen Wissenschaftsbetrieb ‘Neues Testament’ genannt wurde, jetzt als ‘Frühchristliche Religionsgeschichte’ bezeichnet werden sollte, die Kirchengeschichte als Christentumsgeschichte, die Natürliche Theologie als Religionsphilosophie (und Ethik) usw.

2. Die orthodox-reformierte Strömung behauptete, dass zwar die entstehende Religionswissenschaft ihr Existenzrecht habe, dass aber die Fächer innerhalb einer theologischen Fakultät als rein theologisch zu verstehen seien. Auch die Erforschung der Bibel und der Kirchengeschichte sollten von theologischem Gesichtspunkt her betrachtet werden.

3. Die modern-supranaturalistische Strömung (v.a. von Utrechter Gelehrten) konnte, meist aus christlich-apologetischen Motiven ein Nebeneinander von theologischen und der religionswissenschaftlichen Betrachtungsweisen akzeptieren, sprachen aber letztlich der Theologie eine leitende Funktion zu.

1876 nahm das Parlment ein Universitätsgesetz an – ‘De Wet op het Hoger Onderwijs’ – mit dem auch über die Zukunft der Theologie entschieden wurde. Das Ergebnis dieser Debatte bestand in einem fragilen Kompromiß; diejenigen, die ihn schlossen, hätten wohl nie vermutet, dass er fast 130 Jahre (d.h. bis Ende 2006) standhalten würde! Der Kompromiß ist unter dem Begriff des duplex ordo bekannt worden. Jede Fakultät hieß, kraft  Beschluss der ‘Zweiten Kammer’ im Parlament, auch weiterhin ‘Faculteit der Godgeleerdheid’ und nicht Fakultät der Religionswissenschaft. Faktisch wurde aber damit gerechnet, dass die Professoren, abhängig wie sie  institutionell und finanziell  vom Staat waren, eine öffentliche, d.h. keine Konfession oder kirchliche Partei bevorzugende Forschung pflegen würden: der Gegenstand ihrer Forschung sollte die Religion sein, nicht jedoch eine offenbarte Wahrheit. Nur dort, wo die Ausbildung zum Pfarramt mit betroffen war, wurden  auch  die parteilich-kirchlichen Gesichtspunkte einbezogen, welche die Kirchen von ihren Dienern forderten. Deshalb gab das Gesetz vor allem der (einstmals priviligierten) reformierten Kirche (‘Nederlandse Hervormde Kerk’), aber auch den ehemaligen protestantischen ‘Abweichlern’, den jetzt gleichberechtigten lutherischen, mennonitischen und “remonstrantse” (Arminianische) Denominationen – auf deren Wunsch die Möglichkeit eigene, ebenfalls vom Staat finanzierte Lehrstühle für Dogmatik und für Praktische Theologie einzurichten. So gab es eine Fakultät, in der dennoch im Hinblick auf die Lehre eine zweifache Ordnung funktionierte. Die Behörden der reformierten (Hervormde) Kirche (obwohl die von ihr ernannten Professoren fortan eine mehr oder wenig zweitrangige Position einnehmen mussten) und die Reichsuniversitäten von Leiden, Utrecht und Groningen haben faktisch diesen duplex ordo akzeptiert und umgesetzt.

1876 und die Folgen; weitere Entwicklungen unter der Vorherrschaft des Universitätsgesetzes

Unter den orthodoxen Reformierten hielt die Gruppe, die von Abraham Kuyper angeführt wurde, das Gesetz  nicht für akzeptabel. Schon 1880, nur wenige Jahre nach dem Inkrafttreten des Gesetzes von 1876, gründete Kuyper eine Freie Universität (‘Vrije Universiteit’, VU) mit dem Ziel, explizit christliche Wissenschaft zu betreiben. Diese Universität kannte auch eine theologische Fakultät mit einem simplex ordo, war also rein auf die Förderung einer kirchlichen Wissenschaft ausgerichtet. Die Frage, ob die dort ausgebildeten Männer auch als Pfarrer in der reformierten (Hervormde) Kirche wirken könnten, wurde verneint, als sich 1886 (in der ‘Doleantie’) die Kyperianer von den reformierten Kirche abspalteten und 1892 mit Teilen der bereits 1834 entstandenen Kirchengemeinden (der ‘Afscheiding’) zu den ‘Gereformeerde Kerken in Nederland’ vereinigten. Trotz mehrerer Versuche gelang es in der mehr als hundertjährigen Geschichte dieser Kirchen nicht, die Theologische Fakultät der Freien Universität mit der 1854 in Kampen errichteteten ‘Theologischen (Hoch)schule’ der ‘Afgescheidenen’ zu vereinigen.

Das Gesetz von 1876 hatte auch die Möglichkeit eröffnet, eine städtische Einrichtung wie das Atheneum Illustre in Amsterdam zu einer Universität umzufunktionieren. Der Amsterdamer Stadtrat fasste einen diesbezüglichen Beschluss. Da damals eine theologische Fakultät gesetzlich vorgeschrieben war, bot er der reformierten (Hervormde) Synode ausserdem zwei Lehrstühle an; einer davon wurde mit dem berühmten – orthodoxen, aber nicht kuyperianischen – Theologen J.H. Gunning jr. besetzt. Innerhalb eines Jahrzehnts waren beide Lehrstühle infolge des Todes des einen bzw. der Berufung des anderen Lehrstuhlinhabers nach Leiden wieder vakant. Die Angelegenheit erwies sich also von kurzer Dauer. Nach 1945 wurde der Versuch wiederholt, weil der Stadtradt der ‘Hervormde’ Gemeinde am Ort für ihre Rolle im geistlichen Widerstand während der deutschen Besatzung danken wollte. Es folgten 55 theologisch fruchtbare Jahre, aber in den Turbulenzen um die Jahrhundertwende herum waren die nie richtig von Kirche oder Staat gewollten kirchlichen (‘hervormde’ sowie die lutherische und mennonitische) Ausbildungsstätten an der Fakultät der Universität von Amsterdam (‘Universiteit van Amsterdam’, UvA)  die ersten Verlierer.

Die römisch-katholische Kirchenprovinz folgte dem Beispiel der Freien Universität. 1923 wurde in Nimwegen eine Universität mit einer von Rom anerkannten theologischen Fakultät errichtet. Daneben gab es Seminare einzelner Orden und Bistümer, die sich in den  sechziger Jahren des 20. Jahrhundert zu vier Katholisch-Theologischen Hochschulen (in Utrecht, Amsterdam, Heerlen und Tilburg) zusammenschlossen. Diese wurden 1975 vom Staat anerkannt, und erhielte damit auch finanzielle Unterstützung. Das geschah in gleicher Weise mit den drei theologischen Hochschulen – die seit 1986 (im Niederländischen merkwürdiger- und inkonsequenterweise) als ‘Theologische Universitäten’ bezeichnet werden – unterschiedlicher reformierten Denominationen, zwei davon in Kampen, und eine in Apeldoorn.[1] Später kam ausserdem die ‘Universiteit voor Humanistik’ (Utrecht) dazu. Auch  die Zulassung v.a. einer Islamischen Universität ist beabsichtigt. In den siebziger und achtziger Jahren entstand so eine vielfarbige Palette; es war die  Zeit, in der die Theologie in den Niederlanden eine heftig diskutierte Disziplin mit berühmten Vertretern (wie Schillebeeckx, Berkhof und Kuitert) und Strömungen war (so etwa die an der analytischen Philosophie orientierte ‘Utrechter Schule’ oder die ‘Amsterdamer Schule’, mit ihrer besonderen Beziehung zwischen alttestamentliche Exegese und Biblischen Theologie).

Die explorative Kommission Smit/Oberman 1989

In den Niederlanden nahmen schneller und umfassender als anderswo Kirchenaustritte zu, und zwar indirekt proportional zur konfessionstreuen Anhängerschaft der orthodox reformierten und katholischen Bevölkerungsteile im vorangehenden Zeitraum zwischen 1880 und 1960. Deshalb nahmen auch die Priesterweihen in der römisch-katholischen Kirche  in raschem Tempo ab. Allmählich wurde bewusst, dass diese Entwicklungen das oben skizzierte große Wachstum der theologischen Ausbildungsstätten eigentlich nicht zuließen. Dazu kamen Zweifel  an der Qualität der vielen Dozierenden auf. Das Unterrichtsministerium beauftragte deshalb eine explorative Kommission (‘Verkenningscommissie’), die Lage zu analysieren und Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Die Kommission wurde nicht nach dem ersten Vorsitzendnr A. (Ton) H. Smits, sondern nach dem international bekannten Spätmittelalter- und Reformationsforscher  H. (Heiko) A. Oberman  bekannt. Auch wenn nicht alle Empfehlungen tatsächlich umgesetzt wurden, ist im Nachhinein  deutlich, dass die Veröffentlichung des Kommissionsberichts  lediglich der Anfang späterer Entwicklungen, Entscheidungen und Verzögerungen war.

Ein wichtiges Ergebnis des Berichts war, an wenigen Orten eine höhere Qualität anzubieten. Dazu wurde empfohlen,  die Theologischen Ausbildungseinrichtungen in einem breiteren akademischen Kontext, vorzugsweise an größeren Universitäten mit mehreren Fakultäten, ‘einzubetten’. Dazu empfahl die Kommission die Zusammenarbeit von z.B. Heerlen und Nimwegen, Amsterdam und Utrecht (auf römisch-katholischer Seite), sowie von Kampen und Groningen, der Freien Universität (VU) und Leiden (bei gleichzeitiger Schließung der theologischen Fakultät an der Universität von Amsterdam, UvA).

Obwohl alle diese Vorschläge auf ernsthafte Bedenken bei den Beteiligten stiessen, fühlte man sich im Falle einer Ablehnung dennoch gezwungen, alternative Lösungen zu finden. So schlug etwa der Dekan der (römisch-)katholischen theologischen Universität in Utrecht, Ferdinand De Grijs, 1991 vor, in der Stadt des grossen Doms sowohl die römisch-katholische als auch die ‘Hervormde’ und die ‘Gereformeerde’ Ausbildungseinrichtung (sowie  die weiterer Denominationen) zu errichten, die mit der theologischen Fakultät der Utrechter Universität zusammenarbeiten sollten. Eine interessante Initiative – aber inzwischen war leider schon ökumenische Ebbezeit eingetreten…

Zwei wichtige Tendenzen: eine universitäre und eine kirchliche

Zugunsten der eingreifenden Neustrukturierung, wie Oberman sie gewollt hatte, gab es  zwei weitere Entwicklungen, bei denen sich herausstellen sollte, dass die Reformer dann doch mit dem Wind segelten.

Die eine Entwicklung war universitätspolitischer Art. Immer mehr Stimmen befürworteten in universitären Führungsetagen die Bildung grösserer geisteswissenschaftlicher Fakultäten. Darin sollten  die Sprachwissenschaften, die Geschichtswissenschaft, die Philosophie sowie die Theologie- und Religionswissenschaften zusammenarbeiten. Die Universität von Amsterdam ergriff 1997 als erste die Initiative zur Bildung einer solchen Fakultät, Utrecht und Leiden (die sich nicht mehr als ‘Reichsuniversitäten’ zu verstehen wünschten) folgten in den ersten Jahren des 21. Jahunderts  (Utrecht 2008, Leiden 2009). An sich brauchte eine solche Neuordnung noch keine Gefahr für die Theologie zu bedeuten – konnte man sich doch eine schöne interdisziplinäre Zusammenarbeit mit intensiver Beteiligung der Theologen und der Religionswissenschaftler sehr wohl denken. Doch faktisch erwies sich die seit 1876 bestehende Praxis des duplex ordo nolens volens als überholt. Denn der Gedanke einer theologischen Fakultät mit zwei Ordnungen war im neuen System nicht mehr aufrecht zu erhalten. Welche Kraft oder welche Koalition von Kräften würde imstande sein, sie durch eine bessere Idee zu ersetzen? – Ein spezieller Traum wurde dabei in Utrecht geträumt. Zwei aufeinanderfolgende Dekane waren der Meinung, es bestehe die Möglichkeit, eine Pfarrerausbildung einzurichten nach Art einer modern orientierten Divinity School, an der Universität angesiedelt, aber ohne kirchliche Beteiligung. Dabei wurde erstens übersehen, wie die Gegenden im Osten und in der Mitte des Landes mit ihrer pietistisch-orthodoxen reformierten Orientierung immer in besonderer Weise die Utrechter Studentenschaft geprägt hatten, und zweitens, welchen Wert die Kirchen gerade in Zeiten des Verlusts öffentlicher Wirkung dem Verfügungsrecht über die eigene Ausbildung der Pfarrer beimessen würden. Die kollegiale Atmosphäre in Utrecht innerhalb des – damals noch bestehenden – duplex ordo wurde im Klima solcher Vorschläge leider nicht besser.

Die zweite wichtige Entwicklung war kirchenpolitischer Natur. Bereits seit 1961 gab es eine Bewegung ‘Samen op Weg’, die seit 1973 auch einen offiziellen synodalen Status bekam. Immer mehr wurde erkannt, dass die Gründe für die Kirchenspaltungen von 1834 und 1886 faktisch nicht mehr bestanden. Die Hervormde Kirche, die im 19. Jahrhundert eine vom Staat und durch Reglements geleitete Organisation ohne verpflichtendes Bekenntnis gewesen war, hatte sich im Zweiten Weltkrieg zu einer bekennenden Kirche entwickelt. Die Gereformeerde Kerken sahen sich nicht mehr  als die einzige wahre Gemeinschaft der Erwählten und zeigten eine überraschende ökumenische Offenheit. Deshalb war es naheliegend, eine Vereinigung der beiden Kirchen anzustreben. Faktisch dauerte es dann – in der hoch-demokratischen Kultur der Niederlande, in der alle Beteiligten immer über jede Einzelheit abzustimmen haben –, jedoch fast vierzig Jahre, bevor es endlich 2004 zur (vereinigten) Protestantischen Kirche in den Niederlanden kam. Auch die Evangelisch-Lutherische Kirche im Königreich der Niederlande beteiligte sich daran, während sich die Remonstranten im Laufe des Prozessen  aus den Verhandlungen zurückzogen. Im Vorfeld der endgültigen Entscheidungen, hielten es die sich vereinigenden Kirchen für ratsam, die Zahl der Orte für die (in Zukunft gemeinsamen) Pfarrerausbildungen zu reduzieren. Die Entscheidung erwies sich als schwierig, denn jede der Ausbildungsstätten hatte Anhänger unter den Mitgliedern der Synoden, die regionale Asspekte oder die Repräsentanz einer bestimmten kirchlichen ‘Richtung’ oder Strömung ins Feld führten. Der Verlauf des Entscheidungsprozesses war denn auch nicht ohne eigenartige Züge. 1998 entschieden die (fast vereinigten) Synoden sich für eine Konzentration der Pfarrerausbildungen auf die drei Städte Utrecht, Groningen und Amsterdam – wobei mit ‘Amsterdam’ eine Fusion der Theologischen Universitat Kampen mit der theologischen Fakultät der Freien Universität gemeint war. Wie bereits erwähnt, ist es  den Gereformeerde Kerken niemals in ihrer Geschichte gelungen, diese beiden Einrichtungen zusammenzulegen, und auch am Ende ihrer Eigenständigkeit sollte es ihnen nicht gelingen. Daraufhin entschieden sich die Synoden 1999 alternativ für Utrecht, Leiden und Kampen. Aber auch diese Entscheidung sollte sich schon bald als vorläufig herausstellen. Es sei übrigens darauf aufmerksam gemacht, dass in den Jahren 1998/99 niemand eine Entscheidung für den Standort Utrecht, und zwar nur für Utrecht, jemals bezweifelt hätte!

Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, dass auch die römisch-katholische Bischofskonferenz im Jahre 2004 die bestehenden römisch-katholischen theologischen Ausbildungseinrichtungen aufforderte, zu einer weiteren Konzentration der Standorte zu kommen.

Eine Initiative des Ministeriums. Die Bildung der Protestantischen Theologischen Universität

Für die (nunmehr vereinigte) protestantische Kirche sah die Lage im Jahr 2006 folgendermaßen aus: es gab eine Theologische Universität, und zwar in Kampen, die juristisch zwar eine gute Ausgangsposition für die protestantische Kirche bot, aber nach Oberman einer ‘akademischen Einbettung’ entbehrte; ausserdem bestanden kirchliche Lehrstühle in Leiden und Utrecht, deren Zukunft wegen der drohenden Auflösung des duplex ordo unsicher war. In dieser Lage ergriff der (liberale) Staatssekretär für Hochschulwesen und Wissenschaft, der heutige Ministerpräsident Mark Rutte, die Initiative. Er rief die verantwortlichen Verwalter der (ehemaligen) Hervormde Pfarrausbildungen zusammen und machte ihnen folgenden Vorschlag: Wenn es nach meinem Dafürhalten in Zukunft keinen duplex ordo mehr geben kann, kann ich eurer Kirche auch die Gelegenheit bieten, eine eigene theologische Einrichtung zu gründen. Wenn Sie in jeder Hinsicht die üblichen Standards der Qualitätssicherung – in Hinblick auf Forschung, Lehre und Selbstverwaltung – einhalten, werden dazu, wie bei ähnlichen Theologischen Einrichtungen –, staatliche Zuschüsse bereit gestellt. Seit der Kommission Oberman (1989) hatte die Hervormde Kirche zwar Schritte in diese Richtung gemacht, aber dieser neue Schritt würde viel weiter gehen. Schon bald war klar, das die Kampener Partner-Einrichtung und das Lutherische Seminar eine gemeinsame ‘protestantische’ Lösung befürworteten. Deshalb entschied die Synode der Protestantischen Kirche, eine “Protestantische Theologische Universität” (PThU) zu begründen, als Rechtsnachfolgerin der drei ehemaligen, sehr unterschiedlichen Einrichtungen, und vom Staat anerkannt aufgrund eines Gesetzesparagraphen, der auch auf die kleineren orthodox-reformierten und die humanistischen Ausbildungsstätten anzuwenden war.

Als Institution ist die PThU im Januar 2007 ins Leben getreten. Die Frage der dauerhaften ‘akademischen Einbettung’ war damit jedoch nicht gelöst. Deshalb hat der Rat, der im Namen der Synode für die Aufsicht zuständig war, den Vorstand der PThU gebeten, sich nach neuen Koalitionen umzusehen. Das dritte Mal seit 1998 und 1999 wurde also die Frage der richtigen Orten zur Pfarrerausbildung diskutiert. Aber jetzt war sie weniger von der Geschichte her, sondern eher vernünftig zu lösen. Der Vorstand verhandelte mit den anderen Universitätsvorständen, und an Ostern 2010 wurde das Ergebnis bekannt gegeben. Der eine Partner der PThU wurde die Freie Universität in Amsterdam. Ihre Fakultät für Theologie und Religionswissenschaft hatte sich im vergangenen Jahrzehnt zu einem multidenominationellen und multireligiösen Forum entwickelt, wozu die (schwerwiegende) protestantische Stimme gut passen würde. VU und PThU entschieden sich, eine gemeinsame Bachelor-Ausbildung einzurichten (Joint Degree), und dabei  die je eigenen Masterprogramme  aufrecht zu erhalten, u.a. eine dreijährige Masterausbildung zum Pfarramt (in welcher ein Teil des in Deutschland üblichen Predigerseminar aufgenommen ist). Der andere Partner der PThU wurde die Reichsuniversität Groningen (RUG), die sich als einzige der grossen ehemaligen staatlichen Universitäten dafür entschieden hatte, keine umfassende geisteswissenschaftliche Fakultät zu bilden, sondern stattdessen kleinere, qualitativ hochwertige Forschungseinheiten, und damit eine Fakultät für Theologie und Religionswissenschaft, beizubehalten. Die Zusammenarbeit (PThU – RUG) konnte daher eher komplementär sein.

Weitere Ergebnisse der Verhandlungen waren:  die Universität Leiden hatte zwar ein gutes Angebot gemacht, aber da sie so sehr in der Nähe der Freien Universität befindet, dass die Pfarrausbildung im Falle der Kombination Amsterdam-Leiden zu einseitig zu einer Angelegenheit nur der Provinz Holland geworden, und damit für eine Mehrheit der Synode inakzeptabel gewesen wäre. Und die Universität Utrecht hatte noch immer interessante Vorschläge zur Einrichtung einer divinity school dargelegt, aber sie war letztendlich zu wenig zu einer ‘Einbettung’ der Pfarrerausbildung in ihre eigenen Strukturen bereit. Und so kam es im Frühling 2012 zu intensiv – auch von Alumni – besuchte Veranstaltungen, bei denen das Ende der protestantischen kirchlichen Anwesenheit in Leiden, Utrecht und (teilweise auch) Kampen festgestellt und (im Ansatz) verarbeitet wurde.

Die jüngste Entwicklungen

Im Sommer 2012 ist die PThU von Utrecht nach Amsterdam und nach Groningen umgezogen. 2014 haben die beiden Universitäten Leiden und Utrecht ihre theologischen Ausbildungsstätten aufgelöst. Wie bereits früher an der Universität Amsterdam, sind die Religionswissenschaften weiterhin in die Geisteswissenschaften integriert. Ihre Stellung ist dort jedoch nicht ohne weiteres abgesichert. Da der Beruf des Religionslehrers in den Niederlanden viel weniger geprägt ist als z.B. in Deutschland, ist die gesellschaftliche Bindung der Religionswissenschaft nicht sehr klar. Auch in wissenschaftstheoretischer Hinsicht kann sowohl eine eher philologische, als auch eine eher sozialwissenschaftliche Begründung dieser Disziplin verteidigt werden. Kürzlich hat die Königlich-Niederländische Akademie der Wissenschaften den Bericht (in niederländischer Sprache) einer neuen explorativen Kommission herausgegeben, der Perspektiven für die nächste Zukunft zu skizzieren verspricht (https://www.knaw.nl/nl/actueel/publicaties/klaar-om-te-wenden).

Die römisch-katholische Kirche hat inzwischen völlig den Rückzug angetreten. Es gibt zwar eine (m.E. gute) Tilburg School of Catholic Theology in Utrecht, die von Rom anerkannt ist, aber der Utrechter römisch-katholische Erzbischof Eijk zieht die wieder eingerichteten bischöflichen Seminare, die fast keine akademischen Kontakte pflegen, vor. Die (eher liberal geprägte) Nimwegener Fakultät für Philosophie, Theologie und Religionswissenschaft hat ihre kirchlich-kanonische Anerkennung verloren. Andere Denominationen haben für die Ausbildung ihrer Theologinnen und Theologen unterschiedliche Lösungen gefunden.[2] Die orthodox-reformierten Einrichtungen suchen einen Weg zur gemeinsamen Neuorientierung, neben und – wer weiss – vielleicht einmal gemeinsam mit der PThU.

Daraus ein Fazit ziehen zu wollen, ist zu früh. Es ist klar, dass in den Niederlanden die Kirchenaustritte und der rasche Rückzug der Kirchen aus der Öffentlichkeit im vergangenen halben Jahrhundert zu einer marginalen Position der Theologie im Haus der Wissenschaften geführt hat. In gesellschaftlichen intellektuellen Diskursen hat sie kaum noch Bedeutung. In den Buchläden wird Spiritualität verkauft, keine Theologie. Die Pfarrerausbildung erhält zwar noch – was keineswegs selbstverständlich ist – staatliche Unterstützung, aber es ist fraglich, ob und in wieweit ihre Professoren und Professorinnen auch in anderen Disziplinen Gehör finden und mit ihnen im Austausch stehen. Dennoch bleibt die Theologie eine fröhliche Wissenschaft, und ist es mir eine tägliche Freude, sie in Lehre und Forschung betreiben zu dürfen.


[1] Die beiden Einrichtungen in Kampen entstanden beide als “Kinder” aus dem Zusammenschluss der  Kirchen der ‘Afscheiding’ und der  Kirchen der ‘Doleanz’ von Kuypers am Ort: 1944 entstand jedoch daraus  eine weitere  Spaltung  (‘de Vrijmaking’). Die  Ausbildungseinrichtung in Apeldoorn ist das “Kind” derjenigen Kirchen der ‘Afscheiding’, die sich 1892 nicht mit den Kirchen Kuypers zusammenschlossen.  

[2] Mehrere protestantische Denominationen sind als Seminarium der theologischen Fakultät der Freien Universität in Amsterdam angebunden: Mennoniten, Remonstranten, Baptisten, Hersteld-Hervormden (die Hersteld Hervormde Kirche ist 2003 entstanden, weil sie die Vereinigung mit den ev.-lutherischen Kirche nicht akzeptieren konnte). Die Freien Evangelische Gemeinden haben die Zusammenarbeit mit der PThU gesucht. Die alt-katholische Ausbildungsstätte befindet sich nach wie vor in Utrecht:  dort werden diejenigen Fächer gelehrt, die mit der eigenen Kirche und die Vorbereitung des Amtes in dieser Kirche zusammenhängen; von den Studierenden wird erwartet, dass sie  davor oder daneben eine allgemeine theologische Ausbildung an einer anderen  theologischen Einrichtung erwerben.

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R.H. Reeling Brouwer

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